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Der Preis der Zugehörigkeit

Eine leere Holzbank steht im Garten der Arche des Friedens unter einem Baum. Über der Bank steht der Satz: Wie oft verlassen wir unseren Platz, damit andere ihren behalten können?

Auf der Suche nach Verbindung, ohne sich selbst zu verlieren

 

In der Rückschau auf mein eigenes Leben ist mir etwas bewusst geworden: Ich habe viele Jahre eine besondere Fähigkeit kultiviert.

 

Es war mir wichtig, dass Menschen sich in meiner Nähe wohlfühlen. Dass sie sich angenommen fühlen. Dass sie nicht beschämt werden und nicht das Gefühl haben, weniger wert zu sein. Darum habe ich mich, wenn es nötig erschien, ein Stück zurückgenommen.

Ich habe Erfolge relativiert. Habe meine eigenen Bedürfnisse hintenangestellt. Manche Gedanken für mich behalten. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Rücksicht.

 

Lange Zeit habe ich kaum wahrgenommen, dass dieses Verhalten auch einen Preis hatte. Denn während ich darauf achtete, dass andere ihren Platz behalten konnten, verließ ich meinen eigenen immer wieder ein Stück weit. 

 

Das war mein Preis für Zugehörigkeit.

 

Vielleicht kennst du das auch. Du freust dich über etwas, erzählst aber lieber nicht davon. Du hast eine klare Meinung, behältst sie jedoch für dich. Du bist verletzt, aber sagst: „Ist schon nicht so schlimm.“ Du brauchst Unterstützung, funktionierst aber weiter.

 

Nicht, weil du nichts zu sagen hättest. Nicht, weil deine Gefühle unwichtig wären. Sondern weil irgendwo in dir die Hoffnung lebt, dass die Beziehungen leichter werden, wenn du dich zurücknimmst.

 

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr stellte sich mir eine Frage:

Geht es beim Kleinmachen tatsächlich um Bescheidenheit? Oder geht es vielmehr um Zugehörigkeit?

 

Vielleicht machen wir uns oft gar nicht kleiner, weil wir uns gering schätzen. Vielleicht machen wir uns kleiner, weil wir niemanden verlieren wollen. Weil wir niemanden beschämen möchten. Weil wir verhindern möchten, dass andere sich minderwertig fühlen. Weil wir gelernt haben, dass Harmonie wichtiger ist als Aufrichtigkeit.

 

An dieser Stelle erinnerte ich mich an die Arbeiten der Psychologin Dana Crowley Jack. Sie beschreibt mit dem Begriff Self-Silencing einen Prozess, bei dem Menschen die eigene Stimme zum Schweigen bringen, um Beziehungen zu schützen.

 

Für mich ist das ein wichtiger Unterschied. Self-Silencing bedeutet nicht einfach zu schweigen. Es bedeutet auch nicht, dass jemand zurückhaltend oder verschlossen ist.

 

Es bedeutet vielmehr, Teile der eigenen Wahrheit zurückzuhalten, damit Verbindung erhalten bleibt. Die eigenen Bedürfnisse werden nicht ausgesprochen. Gefühle werden heruntergespielt. Eigene Wahrnehmungen werden infrage gestellt. Ärger wird geschluckt. Erfolge werden relativiert. Nicht, weil all das unwichtig wäre. Sondern weil die Beziehung wichtiger erscheint.

 

Was zunächst wie Rücksicht aussieht, kann langfristig dazu führen, dass wir uns immer weiter von uns selbst entfernen.

 

Und genau darin liegt eine besondere Tragik: Wir hoffen, durch Anpassung Nähe zu schaffen. Tatsächlich verlieren wir manchmal den Kontakt zu dem Menschen, mit dem wir unser ganzes Leben verbringen:

zu uns selbst.

 

Dabei ist Anpassung nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Sie ist eine wichtige soziale Fähigkeit. Wir alle nehmen Rücksicht. Wir wägen ab. Wir verzichten gelegentlich auf die Durchsetzung eigener Bedürfnisse.

 

Problematisch wird es erst dann, wenn Anpassung zur Gewohnheit wird und die eigene Wahrheit regelmäßig den Kürzeren zieht. Wenn Zugehörigkeit nur um den Preis möglich scheint, dass wir uns selbst verlassen. Dann entsteht ein Ungleichgewicht.

Oft bleibt die Frage zurück: 

 

Wer wäre ich eigentlich, wenn ich meinen Platz wirklich einnehmen würde?

 

Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit gar nicht darin, den eigenen Platz zu finden. Vielleicht liegt sie darin, ihn auszuhalten. 

 

Denn den eigenen Platz einzunehmen bedeutet auch, sichtbar zu werden.

 

Mit den eigenen Fähigkeiten.

Mit den eigenen Erfahrungen.

Mit den eigenen Bedürfnissen.

Mit den eigenen Grenzen.

 

Und mit der eigenen Größe.

 

Das Wort Größe löst bei vielen Menschen Unbehagen aus. Zu oft wird es mit Überheblichkeit verwechselt. Dabei hat Größe nichts damit zu tun, sich über andere zu stellen. Größe bedeutet, sich selbst nicht länger klein zu halten. Die eigenen Fähigkeiten anzuerkennen. Die eigene Wirkung wahrzunehmen. Den eigenen Wert nicht ständig infrage zu stellen.

Viele von uns haben gelernt, dass Bescheidenheit eine Tugend ist. Doch irgendwo auf dem Weg wurde aus Bescheidenheit manchmal Selbstverkleinerung. Aus Rücksicht wurde Selbstverzicht.

Vielleicht hat unsere Angst vor der eigenen Größe auch damit zu tun, dass wir erlebt haben, wie Menschen auf Sichtbarkeit reagieren können. Wer seinen Platz einnimmt, wird nicht immer nur Zustimmung erfahren. Manchmal begegnen ihm Kritik. Manchmal Neid. Manchmal auch Abwertung.

 

Vielleicht versuchen deshalb viele Menschen unbewusst, gar nicht erst sichtbar zu werden. Sie halten sich zurück. Machen ihre Erfolge kleiner. Sprechen leiser. Passen sich an.

Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Sondern weil sie hoffen, auf diese Weise keinen Anstoß zu geben.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht: Wie verhindere ich, dass andere mich kritisieren oder ablehnen?

 

Sondern:

 

Bin ich bereit, meinen Platz einzunehmen, auch wenn nicht jeder das gut findet?

 

Für mich ist das eine der schwierigsten Fragen überhaupt. Denn sie verlangt nicht nur Mut. Sie verlangt Vertrauen.

 

Vertrauen darin, dass mein Wert nicht von der Zustimmung anderer abhängt. Und Vertrauen darin, dass ich nicht weniger liebenswert werde, nur weil ich sichtbar bin.

Für mich beginnt genau hier die Kunst, den eigenen Platz einzunehmen. Nicht indem wir lauter werden. Oder indem wir uns über andere stellen. Sondern indem wir aufhören, uns selbst zu verlassen.

 

Sich selbst treu zu bleiben bedeutet nicht, immer Recht zu haben. Es bedeutet auch nicht, sich rücksichtslos durchzusetzen.

 

Es bedeutet vielmehr, die eigene Wahrheit wahrzunehmen und ihr einen Platz zu geben. Mit ihr in Beziehung zu bleiben. Gerade dann, wenn Anpassung einfacher wäre. Gerade dann, wenn Schweigen bequemer wäre. Wenn die Angst vor Ablehnung spürbar wird.

Für mich beginnt es mit einer einfachen und zugleich anspruchsvollen Aufgabe:

 

Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln. Nicht nur für die starken Seiten. Auch für die ängstlichen. Für die zweifelnden. Für die verletzlichen. Für die Teile in uns, die sich manchmal nicht gut genug fühlen.

 

Denn Selbstmitgefühl bedeutet nicht, sich alles schönzureden. Es bedeutet, sich selbst mit derselben Freundlichkeit und Achtung zu begegnen, die wir einem Menschen schenken würden, den wir lieben. Forschung zu Selbstmitgefühl zeigt, dass ein wohlwollender Umgang mit sich selbst Resilienz und psychisches Wohlbefinden stärken kann.

 

Aus dieser Haltung heraus entsteht etwas Kostbares: Ein Selbstwert, der nicht davon abhängt, besser zu sein als andere. Ein Selbstwert, der weder Vergleiche noch Rechtfertigungen braucht. Ein Selbstwert, der uns erlaubt, den eigenen Platz einzunehmen.

 

Ohne andere kleiner zu machen. Ohne uns selbst kleiner zu machen.

 

Vielleicht ist genau das wahre Zugehörigkeit: Nicht dazuzugehören, weil wir uns anpassen. Sondern dazuzugehören, während wir ganz wir selbst sind. Denn für jede und jeden von uns gibt es einen Platz. Nicht über anderen. Nicht unter anderen. Sondern mitten unter ihnen.

Möglicherweise besteht wahre Größe genau darin, diesen Platz einzunehmen und auszufüllen, ohne dabei die Größe anderer infrage zu stellen und ohne sich selbst zu verlassen.

 

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Birte Gamm

Dipl. Heilpädagogin • Autorin • Seminarleiterin • Dozentin • Supervision • Fachliche Begleitung für Teams & Fachkräfte 

Weidenweg 4
23769 Fehmarn

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