Wenn gesellschaftlicher Status wichtiger erscheint als der Mensch.
Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn manche Menschen mehr Respekt erhalten als andere?
Nicht aufgrund ihres Charakters. Nicht aufgrund ihrer Menschlichkeit. Sondern aufgrund ihres Status, ihres Vermögens, ihres Einflusses oder ihrer Herkunft. Diese Frage beschäftigt mich immer wieder.
Denn obwohl die Würde des Menschen als unantastbar gilt, erlebe ich im Alltag häufig etwas anderes. Oft scheint es, als würden wir Menschen nicht allein um ihrer selbst willen achten, sondern wegen der Position, die sie innehaben, des Ansehens, das sie genießen, oder der Leistungen, die sie vorweisen können.
Für mich beginnt Menschenwürde dort, wo Respekt nicht mehr vom gesellschaftlichen Rang abhängt. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass wir davon noch weit entfernt sind.
Die stille Hierarchie
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Eine Person mit großer Führungsverantwortung erhält häufig mehr Aufmerksamkeit als die Mitarbeiterin am Empfang. Der Vorstandsvorsitzende wird oft ernster genommen als die Reinigungskraft. Der Nachfahre einer angesehenen Unternehmerfamilie genießt mitunter mehr Ansehen als die alleinerziehende Mutter, die Tag für Tag Verantwortung für ihre Familie trägt.
Dabei möchte ich keineswegs besondere Leistungen in Frage stellen. Verantwortung verdient Anerkennung. Engagement verdient Wertschätzung. Menschen, die sich mit ihrer Kraft und ihrem Wissen für andere einsetzen, sollten dafür gesehen werden.
Doch Anerkennung ist etwas anderes als Würde.
Anerkennung kann wachsen oder schwinden. Sie hängt von Leistungen, Rollen und gesellschaftlichen Erwartungen ab.
Würde dagegen steht jedem Menschen zu. Nicht weil er etwas leistet. Oder weil er erfolgreich ist. Nicht weil andere ihn bewundern. Sondern weil er Mensch ist.
Die unsichtbaren Maßstäbe
Ob wir es wollen oder nicht: Unsere Gesellschaft ist von sichtbaren und unsichtbaren Rangordnungen geprägt.
Berufliche Positionen, Bildungsabschlüsse, Vermögen, gesellschaftliche Netzwerke, Herkunft, Alter oder Geschlecht beeinflussen oft, wie aufmerksam Menschen einander zuhören, wie glaubwürdig sie erscheinen und wie viel Respekt ihnen entgegengebracht wird.
Manchmal geschieht das ganz unbewusst. Wir hören der Person mit dem beeindruckenden Lebenslauf aufmerksamer zu. Wir schreiben Menschen mit hoher gesellschaftlicher Stellung mehr Kompetenz zu. Wir schenken erfolgreichen Menschen mehr Aufmerksamkeit. Häufig übersehen wir dabei diejenigen, die weniger sichtbar sind.
So entsteht leicht eine verhängnisvolle Verwechslung:
Wir verwechseln gesellschaftlichen Erfolg mit menschlichem Wert. Wir bewundern Menschen für das, was sie erreicht haben, und verlieren dabei den Blick für das, was sie sind.
Doch der Wert eines Menschen ist keine Auszeichnung, die verliehen wird. Er ist keine Belohnung für Leistung. Kein Preis, der verdient werden muss. Der Wert eines Menschen ist bereits da. Einfach so.
Wer erhält unsere Aufmerksamkeit?
Für mich zeigt sich der wahre Zustand unserer Gesellschaft nicht daran, wie sie mit erfolgreichen Menschen umgeht. Für mich zeigt er sich vielmehr darin, wie wir Menschen begegnen, die wenig Macht besitzen.
- Wie sprechen wir über Menschen mit Behinderung?
- Wie begegnen wir älteren Menschen?
- Wie hören wir Kindern zu?
- Wie blicken wir auf Menschen, die arbeitslos sind?
- Wie behandeln wir diejenigen, die gesellschaftlich kaum sichtbar sind?
Hier entscheidet sich, ob Menschenwürde nur ein schöner Begriff bleibt oder zu einer gelebten Haltung wird.
Eine Frage an uns selbst
Manchmal genügt eine einzige Frage, um die eigene Haltung zu überprüfen:
Würde ich diesem Menschen mit derselben Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Achtung begegnen, wenn ich nichts über seine Position, sein Einkommen, seine Bildung oder seine Herkunft wüsste?
Die Antwort darauf kann unbequem sein. Vielleicht liegt gerade darin ihre Kraft. Denn jede ehrliche Antwort eröffnet die Möglichkeit, neu hinzuschauen. Nicht auf das, was Menschen darstellen. Sondern auf das, was sie sind.
Menschen mit Hoffnungen, Ängsten, Sehnsüchten, Stärken und Verletzlichkeit.
Am Ende sollte nicht entscheidend sein, welche Position jemand innehat, welchen Namen er trägt oder welchen Wohlstand er besitzt.
Entscheidend ist für mich etwas anderes:
Menschenwürde beginnt dort, wo Respekt nicht mehr vom gesellschaftlichen Rang abhängt.