Wo ich sicher bin, kann ich echt sein

Safe Places als Grundlage für Präsenz, Würde und einen achtsamen Umgang mit Macht in der Eingliederungshilfe

In der Arbeit mit Menschen, die auf Begleitung angewiesen sind, bewegen wir uns täglich in sensiblen Räumen. Es geht um Beziehung, um Vertrauen, um Nähe und immer auch um Verantwortung. Viele dieser Prozesse laufen leise, oft unbewusst, und wirken dennoch tief.

Gerade deshalb ist es so bedeutsam, dass wir als Mitarbeitende selbst Orte haben, an denen wir zur Ruhe kommen können. Orte, die uns halten. Orte, an denen wir sicher sind.
Denn nur wenn wir eine gewisse innere Stabilität spüren, können wir anderen mit Präsenz, Klarheit und Würde begegnen.

Ein Safe Place ist genau so ein Ort: ein Platz, an dem das Nervensystem sich beruhigt, an dem wir wieder bei uns ankommen können. Im Außen und im Inneren.

Safe Places – Orte der Rückverbindung

Ein Safe Place ist mehr als ein Rückzugsraum. Er ist ein Zustand, in dem etwas in uns weich werden darf. Ein Ort, an dem wir nicht funktionieren müssen, nicht reagieren, nicht stützen, nicht tragen. Ein Ort, an dem wir einfach sein dürfen.

Für einige ist es das eigene Zuhause.
Für andere ein Platz in der Natur.
Für mich ist es die Arche des Friedens. Wenn ich dort ankomme, nach intensiven Tagen oder vielen Begegnungen, darf ich langsamer werden. Ich kann loslassen, sortieren, mich regenerieren. Dieser äußere Safe Place hilft mir, wieder in Kontakt mit mir selbst zu kommen. Und genau darin liegt seine Kraft.

Gerade in der Eingliederungshilfe, wo Beziehung das zentrale Arbeitsmittel ist, sind solche Orte keine Nebensache. Sie sind eine wichtige Ressource, um langfristig präsent und innerlich beweglich zu bleiben.

Mitarbeitende als Safe Place – Sicherheit als Beziehungsangebot

Mitarbeitende in der Eingliederungshilfe sind im besten Fall selbst ein Safe Place für Klient:innen: Menschen, bei denen sie sich sicher fühlen. Menschen, bei denen es ruhiger wird. Menschen, die verlässlich sind, ohne zu vereinnahmen.

Viele Klient:innen haben Erfahrungen von Unsicherheit, Fremdbestimmung oder mangelnder Verlässlichkeit gemacht. Umso bedeutsamer ist eine Begleitung, die Halt gibt, ohne abhängig zu machen. Eine Beziehung, in der Würde spürbar bleibt.

Dafür braucht es eine wichtige Voraussetzung:

Wer anderen Sicherheit geben will, braucht selbst sichere Orte.

Denn wenn Mitarbeitende innerlich unter Daueranspannung stehen, erschöpft oder verunsichert sind, wirkt sich das auf Beziehung aus. Vielfach subtil, jedoch wirksam. Dann wird Begleitung schneller eng, Reaktionen werden ungeduldiger, Entscheidungen weniger transparent.

Innere Sicherheit hingegen öffnet Räume: für Zuhören, für Mitgehen, für echtes Dasein.

Würde schützen durch bewusste Präsenz

In der Begleitung von Menschen wirken immer auch Rollen, Strukturen und Zuständigkeiten mit. Daraus entsteht Verantwortung und damit verbunden auch Macht. Nicht als etwas Bedrohliches, sondern als Teil professionellen Handelns.

Entscheidend ist nicht, ob Macht vorhanden ist, sondern wie wir mit ihr umgehen.
Ein achtsamer Umgang mit Macht zeigt sich dort, wo Mitarbeitende innerlich verbunden und stabil sind. Dann kann Verantwortung so gestaltet werden, dass sie schützt statt beschneidet, orientiert statt kontrolliert.

Innere Sicherheit unterstützt genau diese Haltung:

  • Entscheidungen werden ruhiger getroffen
  • Grenzen werden klarer und respektvoller gesetzt
  • Beteiligung wird möglich
  • die Würde bleibt im Blick – auch in schwierigen Situationen

Safe Places helfen, nicht aus Überforderung oder Automatismen zu handeln, sondern bewusst, zugewandt und reflektiert.

Innere Sicherheit – sich selbst nicht verlassen

Innere Sicherheit bedeutet nicht, immer gelassen oder souverän zu sein. Sie bedeutet auch nicht, keine Unsicherheit zu kennen.
Innere Sicherheit heißt vor allem: Ich verliere mich nicht.

Viele Fachkräfte kennen das Gegenteil: sich innerlich zurückzuziehen, zu funktionieren, eigene Grenzen zu übergehen. Ein innerer Safe Place beginnt dort, wo wir uns selbst wieder wahrnehmen und ernst nehmen.

Oft ist der Körper der erste Weg dorthin:

  • den Boden unter den Füßen spüren
  • den Atem bewusst wahrnehmen
  • eine Hand auf Brust oder Bauch legen

Diese kleinen Momente helfen, wieder im eigenen Körper anzukommen – und damit auch in der eigenen Haltung.

Äußere Safe Places – Regeneration statt Rückzug

Äußere Safe Places sind wichtig, um Belastungen nicht dauerhaft in sich zu tragen. Sie helfen, Erlebtes zu sortieren, Abstand zu gewinnen und neue Kraft zu sammeln.

Gleichzeitig geht es nicht darum, sich im Außen „zu verlieren“. Ein gesunder äußerer Safe Place stärkt die innere Sicherheit, statt sie zu ersetzen. Er macht uns nicht abhängig, sondern wieder handlungsfähig.

So werden äußere Safe Places zu Orten der Rückverbindung – zu sich selbst und zur eigenen Professionalität.

Übergänge bewusst gestalten

Gerade im Arbeitsalltag der Eingliederungshilfe sind Übergänge sensibel: vom Dienst nach Hause, von Nähe in Distanz, von Verantwortung in Erholung.

Kleine Rituale können helfen, diese Übergänge bewusster zu gestalten:

  • kurz innehalten
  • einen tiefen Atemzug nehmen
  • innerlich sagen: Jetzt darf ich loslassen.

So bleibt das Erlebte nicht ungefiltert im System, sondern bekommt einen guten Platz.

Fragen, die Sicherheit wachsen lassen

Diese Fragen können helfen, Safe Places bewusster wahrzunehmen – für sich selbst oder im Team:

  • Wann fühle ich mich sicher – und wie zeigt sich das in meinem Körper?

  • Was hilft mir, mich zu sammeln, wenn es unruhig wird?

  • Welche Orte, Menschen oder Rituale stärken mich?

  • Wie verändert sich mein Handeln, wenn ich innerlich ruhig bin?

  • Wie gelingt mir ein achtsamer Umgang mit Verantwortung im Alltag?
Ein leiser Abschluss

Vielleicht ist ein Safe Place letztlich kein fester Ort.
Vielleicht ist er eine innere Haltung:
Die Bereitschaft, bei sich zu bleiben, sich selbst ernst zu nehmen und aus dieser Verbundenheit heraus andere zu begleiten.

Wo wir uns sicher fühlen, können wir ruhiger handeln.
Wo wir ruhiger handeln, bleibt Würde spürbar.
Und wo Würde Raum hat, wird Begleitung menschlich.

 

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