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Nimm dich nicht so wichtig – wenn Rücksichtnahme zur Selbstbegrenzung wird

Ein einladender Raum mit Tisch und Stühlen für Begegnung, Austausch und Reflexion. Über dem Bild liegt die Aussage: „Deinen Platz einzunehmen nimmt niemandem seinen Platz weg.“ Das Bild steht für Selbstachtung, professionelle Präsenz und die Erlaubnis, die eigene Kompetenz sichtbar werden zu lassen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Über Fachlichkeit, Empathie und die Herausforderung, den eigenen Platz einzunehmen

 

In Fortbildungen, Supervisionen und Beratungsgesprächen begegnet mir immer wieder ein Phänomen, das mich nachdenklich macht: Hoch engagierte, fachlich kompetente Frauen relativieren ihre Leistungen, stellen ihre Einschätzungen infrage oder halten sich bewusst zurück, damit andere sich nicht verunsichert, unterlegen oder kritisiert fühlen.

 

Sätze wie:

 

  • „Das war doch nichts Besonderes.“
  • „Andere können das viel besser.“
  • „Ich möchte mich nicht aufdrängen.“
  • „Ich möchte niemandem das Gefühl geben, nicht gut genug zu sein.“

höre ich regelmäßig.

 

Besonders bemerkenswert ist dabei: Viele dieser Frauen verfügen über fundiertes Fachwissen, langjährige Berufserfahrung und eine hohe soziale Kompetenz. Dennoch fällt es ihnen schwer, ihre Fähigkeiten als selbstverständlichen Teil ihrer Professionalität anzunehmen.

 

Woher kommt dieses Muster?

 

Die Psychologin Dana Jack beschreibt mit dem Konzept des Self-Silencing ein Phänomen, bei dem Menschen – insbesondere Frauen – eigene Bedürfnisse, Einschätzungen, Gefühle oder Fähigkeiten zurückhalten, um Beziehungen zu schützen, Konflikte zu vermeiden oder Anerkennung nicht zu gefährden. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen diesem Verhalten, geringerem Selbstwertgefühl und psychischer Belastung.

 

Viele Frauen sind mit Botschaften aufgewachsen wie:

 

  • Nimm dich nicht so wichtig.
  • Halte dich lieber etwas zurück.
  • Sei bescheiden.
  • Gib anderen Raum.
  • Stelle dich nicht in den Mittelpunkt.
  • Achte auf die Bedürfnisse anderer.

Diese Werte sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie fördern Rücksichtnahme und soziale Sensibilität. Schwieriger wird es dort, wo Rücksichtnahme mit Selbstzurücknahme verwechselt wird.

 

Die besondere Situation in der Eingliederungshilfe

 

In der Eingliederungshilfe begegnet mir noch ein weiterer Aspekt. Hier arbeiten viele Fachkräfte in einem Berufsfeld, das von Beziehungsgestaltung, Empathie und einem tiefen Respekt vor der Lebensgeschichte anderer Menschen geprägt ist.

Oft entsteht dabei ein unausgesprochenes Spannungsfeld:

 

Bin ich empathisch oder fachlich?

 

Manche Fachkräfte erleben Fachlichkeit und Empathie beinahe als Gegensätze. Sie befürchten, dass fachliche Klarheit automatisch Distanz erzeugt oder dass eine klare Haltung als mangelnde Menschlichkeit wahrgenommen werden könnte.

Dabei braucht professionelle Eingliederungshilfe beides:

 

  • Fachwissen und Empathie
  • Haltung und Reflexion
  • Grenzen und Zugewandtheit
  • professionelle Verantwortung und menschliche Nähe

Empathie ohne Fachlichkeit kann zu Unsicherheit führen.
Fachlichkeit ohne Empathie kann Menschen verfehlen.
Professionelles Handeln entsteht dort, wo beides zusammenwirkt.

 

Wenn Kompetenz Beziehungen verändert

 

Ein Thema, das selten offen angesprochen wird, ist die Erfahrung vieler Frauen, dass Kompetenz nicht immer nur Anerkennung hervorruft. Mitunter erleben sie, dass ihre fachliche Sicherheit, ihre Klarheit oder ihr Erfolg andere verunsichern.

Forschungen zum sogenannten Backlash-Effekt zeigen, dass selbstbewusst und kompetent auftretende Frauen teilweise negativer bewertet werden als Männer mit vergleichbarem Verhalten. Sie werden eher als dominant, wenig sympathisch oder „schwierig“ wahrgenommen.

 

Die Botschaft lautet dann nicht:

„Du bist nicht kompetent.“

 

Sondern eher:

„Sei kompetent – aber bitte so, dass niemand sich dadurch infrage gestellt fühlt.“

 

Viele Frauen entwickeln daraus unbewusst Strategien der Anpassung:

Sie formulieren vorsichtiger.
Sie relativieren ihr Wissen.
Sie machen ihre Leistungen kleiner.

Nicht weil sie weniger können, sondern weil sie Beziehungen schützen wollen.

 

Der Preis der Selbstverkleinerung

 

Wer sich über Jahre zurücknimmt, bleibt davon nicht unberührt. Unser Selbstbild entsteht auch aus den Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen.

 

Aus:

„Ich halte mich lieber etwas zurück.“

kann werden:

„Andere wissen es wahrscheinlich besser.“

 

Aus:

„Ich möchte niemanden verletzen.“

kann werden:

„Meine Kompetenz reicht noch nicht aus.“

 

Aus:

„Ich möchte niemanden in den Schatten stellen.“

kann werden:

„Ich sollte mich mit meiner Meinung lieber zurückhalten.“

 

So entsteht schleichend ein Abstand zwischen der tatsächlichen Kompetenz und dem eigenen Erleben.

 

Eine andere Frage

 

Vielleicht geht es gar nicht darum, dass Frauen „selbstbewusster“ werden müssen. Vielleicht geht es um etwas anderes:

 

Wie können Fachkräfte ihrer Kompetenz vertrauen, ohne ihre Empathie zu verlieren?

 

Gerade in der Eingliederungshilfe halte ich diese Frage für zentral. Denn Menschen brauchen keine Fachkräfte, die sich kleiner machen. Sie brauchen Fachkräfte, die Wissen, Erfahrung, Reflexionsfähigkeit und Menschlichkeit miteinander verbinden.

 

Fachkräfte, die sagen können:

„Ich verstehe Ihre Situation.“

und gleichzeitig:

„Ich übernehme Verantwortung für mein professionelles Handeln.“

 

Das ist keine Härte. Das ist Professionalität.

 

Mein Fazit

 

Die Fähigkeit, den eigenen Platz einzunehmen, ist kein Ausdruck von Egoismus. Sie ist Ausdruck von Selbstachtung.

Menschen werden nicht dadurch gestärkt, dass wir uns kleiner machen, als wir sind. Sie werden dadurch gestärkt, dass wir ihnen als authentische, reflektierte und fachlich kompetente Gegenüber begegnen.

Vielleicht beginnt professionelle Selbstfürsorge genau dort:

Nicht darin, größer zu werden als andere. Sondern darin, aufzuhören, kleiner zu sein, als man bereits ist.

 

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Birte Gamm

Dipl. Heilpädagogin • Autorin • Seminarleiterin • Dozentin • Supervision • Fachliche Begleitung für Teams & Fachkräfte 

Weidenweg 4
23769 Fehmarn

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