Über das Zuhören in einer Zeit, in der Gefühle immer häufiger bewertet statt verstanden werden.
In der letzten Zeit ertappe ich mich immer häufiger dabei, dass ich bei öffentlichen Debatten nicht nur auf das achte, was gesagt wird. Ich achte auf etwas anderes. Darauf, wie wir miteinander umgehen, wenn Menschen von Verletzungen sprechen.
Menschen äußern Enttäuschung, Betroffenheit oder Schmerz. Sie sagen, dass sie sich verletzt, beschämt, herabgesetzt oder nicht respektiert fühlen. Und oft geschieht etwas Merkwürdiges.
Es wird nicht darüber gesprochen, was die Situation in diesem Menschen ausgelöst hat. Stattdessen wird darüber diskutiert, ob diese Person überhaupt das Recht hat, sich so zu fühlen.
War das wirklich verletzend?
Ist die Reaktion angemessen?
War das nicht übertrieben?
Hat die Person es vielleicht falsch verstanden?
Mich erschreckt das. Denn ich habe den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft etwas verändert. Wir werden schneller im Bewerten und langsamer im Zuhören. Schneller im Erklären und langsamer im Verstehen. Schneller im Urteilen und langsamer im Mitfühlen.
Was mich daran irritiert:
Wir diskutieren oft nicht über die Wirkung eines Verhaltens.
Wir diskutieren darüber, ob jemand das Recht hat, sich verletzt zu fühlen.
Dabei kann niemand von außen entscheiden, was ein anderer Mensch empfindet. Wir können unterschiedlicher Meinung sein. Wir können Ereignisse unterschiedlich bewerten. Wir können über Absichten sprechen. Doch wir können einem Menschen nicht absprechen, dass ihn etwas verletzt hat.
Für mich ist das keine Frage von Politik. Es ist eine Frage von Haltung. Eine Frage von Respekt. Eine Frage von Menschenwürde.
Und genau deshalb beschäftigt mich dieses Thema auch in der Eingliederungshilfe, der Heilpädagogik und der Sozialen Arbeit. Denn hier sagen wir Menschen jeden Tag:
Deine Stimme zählt.
Deine Bedürfnisse sind wichtig.
Deine Grenzen verdienen Respekt.
Du hast ein Recht auf Selbstbestimmung.
Wir sprechen über Empowerment. Über Teilhabe. Über Selbstvertretung. Darüber, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.
Doch immer wieder frage ich mich:
Was passiert, wenn Menschen genau das tun? Wenn ein Mensch mit Behinderung sagt:
„Das hat mich verletzt.“
„So möchte ich nicht behandelt werden.“
„Da wurde meine Grenze überschritten.“
Was passiert dann? Hören wir wirklich zu? Oder beginnen wir, die Wahrnehmung dieses Menschen zu erklären? Zu relativieren? Einzuordnen?
Vielleicht zeigt sich professionelle Haltung genau in diesen Momenten. Nicht dann, wenn Menschen zustimmen. Auch nicht dann, wenn alles harmonisch ist. Sondern dann, wenn jemand widerspricht. Wenn jemand sich beschwert. Wenn jemand den Mut aufbringt, verletzlich zu sein.
Ich glaube, viele Menschen suchen in solchen Momenten gar keinen Schuldigen. Sie möchten verstanden werden. Sie möchten erleben, dass ihre Erfahrung einen Platz haben darf. Dass niemand sofort erklärt, warum sie falsch liegt. Dass niemand sie überzeugen will, anders zu fühlen.
Vielleicht braucht es deshalb manchmal nicht sofort eine Antwort. Nicht sofort eine Erklärung. Nicht sofort eine Rechtfertigung.
Vielleicht braucht es zuerst einen Atemzug.
Ein Innehalten.
Und dann einen Satz wie:
„Danke, dass du mir das sagst.“
„Das tut mir leid.“
„Ich lasse das auf mich wirken.“
„Was wünschst du dir jetzt von mir?“
Menschen suchen nach einer Verletzung oft keinen Schuldigen. Sie suchen einen Menschen, der bereit ist, einen Moment bei ihrer Erfahrung zu bleiben.
Für mich beginnt Würde genau dort, wo wir aufhören zu entscheiden, ob ein Gefühl berechtigt ist. Und anfangen zuzuhören.