Blog

Berührbar bleiben

Schilf am Ufer eines ruhigen Gewässers mit weitem Horizont im sanften Abendlicht. Das Bild vermittelt Weite, Berührbarkeit und stille Offenheit.

Gedanken über Nähe, Distanz und die leise Kunst professioneller Beziehungen

 

Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen Nähe wirklich so sehr fürchten, wie wir behaupten. Möglicherweise fürchten wir etwas anderes. Das, was Nähe sichtbar macht.

Die Unsicherheit hinter der Fassade.

Die Sehnsucht hinter der Stärke.

Die Traurigkeit hinter der Wut.

Die Verletzlichkeit hinter dem Wunsch, alles im Griff zu haben.

 

Wer einem anderen Menschen wirklich begegnet, kann sich nicht vollständig verstecken. Genau dort beginnt die Herausforderung jeder Beziehung.

 

Ich bin überzeugt, dass sich viele Menschen nach echter Nähe sehnen. Nach Beziehungen, in denen sie verstanden werden. Nach Begegnungen, in denen sie sich nicht beweisen müssen. Nach einem Gegenüber, das nicht bewertet, sondern wahrnimmt.

 

Und dennoch scheint genau das oft schwer zu sein. Denn Nähe bedeutet mehr als ein freundliches Gespräch. Mehr als gemeinsames Lachen. Mehr als das Gefühl, miteinander auszukommen.

 

Nähe beginnt dort, wo wir uns zeigen. Mit unseren Gedanken. Mit unseren Zweifeln. Mit dem, was uns bewegt. Mit den Seiten, die wir selbst nicht immer mögen.

 

Das ist vermutlich der Grund, warum Nähe so oft von einer leisen Angst begleitet wird. Wer sich zeigt, kann abgelehnt werden. Wer sich berühren lässt, kann verletzt werden. Wer einem anderen Menschen wichtig wird, läuft Gefahr, ihn wieder zu verlieren.

 

Nähe ist deshalb nicht nur schön. Nähe verlangt Mut.

 

Gerade in sozialen Berufen begegnet mir dieses Spannungsfeld immer wieder. Hinter vielen Fragen nach professioneller Nähe und professioneller Distanz entdecke ich oft etwas viel Menschlicheres: die Sehnsucht nach Verbindung und gleichzeitig den Wunsch nach Schutz.

 

Wir möchten Menschen erreichen und dürfen uns dabei nicht verlieren.

Wir möchten verständnisvoll sein und dennoch unsere Grenzen achten.

Wir möchten berührbar bleiben, ohne jede Erfahrung mit nach Hause zu nehmen.

 

Das ist einer der Gründe, warum die Gestaltung professioneller Beziehungen so herausfordernd ist. Es gibt dafür keine Formel. Kein Patentrezept. Keine sichere Anleitung, die für alle Situationen passt.

 

Jede Begegnung ist neu. Jeder Mensch bringt seine Geschichte mit. Wir selbst tun das auch.

 

Oft wird über Nähe und Distanz gesprochen, als ginge es darum, den richtigen Abstand zu finden. Ein Stück näher. Ein Stück weiter weg. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Doch je länger ich Menschen begleite, desto weniger glaube ich, dass die entscheidende Frage der Abstand ist.

 

Es geht vielmehr darum, wie wir einer Begegnung standhalten können. Ob wir die Gefühle aushalten, die dabei entstehen. Ob wir wahrnehmen können, was uns berührt. Ob wir erkennen, wo etwas mit dem anderen zu tun hat und wo etwas in uns selbst in Resonanz geht.

 

Denn kein Mensch begegnet anderen Menschen nur mit seinem Fachwissen. Wir begegnen ihnen immer auch mit unserer eigenen Geschichte. Mit unseren Erfahrungen von Vertrauen und Enttäuschung. Mit unseren Vorstellungen von Beziehung. Mit unseren Verletzungen. Mit unseren Hoffnungen.

 

Professionelle Beziehungsgestaltung beginnt deshalb aus meiner Sicht nicht bei Methoden und Konzepten. Sie beginnt bei der Bereitschaft, sich selbst zu kennen.

Zu wissen, was uns stärkt und was uns verunsichert.

Zu bemerken, wann wir uns zurückziehen.

Zu erkennen, wann wir retten, kämpfen oder kontrollieren möchten.

Nicht, um uns dafür zu verurteilen, sondern um verantwortlich damit umzugehen.

 

Ein Gedanke beschäftigt mich dabei besonders. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir gesellschaftlich bestimmte Gefühle leichter akzeptieren als andere.

 

Wut darf sichtbar sein. Empörung findet Gehör. Härte wird oft mit Stärke verwechselt. Traurigkeit dagegen scheint vielen Menschen unangenehm zu sein. Sie verlangsamt. Sie macht still. Sie lässt sich nicht so leicht lösen oder wegdiskutieren.

 

Womöglich geben wir ihr genau deshalb so selten Raum. Dabei gehört sie zum Leben. Zu unseren Abschieden. Zu unseren Enttäuschungen. Zu unerfüllten Hoffnungen. Zu allem, was uns wichtig ist.

 

Wer trauert, zeigt nicht Schwäche. Wer traurig ist, hat nicht versagt. Wer weint, verliert nicht seine Würde.

Im Gegenteil. Darin liegt eine besondere Form von Stärke.

Die Stärke, sich berühren zu lassen.

Die Stärke, etwas zu fühlen, statt davor wegzulaufen.

Die Stärke, mit sich selbst in Verbindung zu bleiben.

 

Wie würde wohl unser Miteinander aussehen, wenn verletzliche Gefühle mehr Raum bekommen würden. Wenn wir nicht sofort Lösungen finden müssten. Wenn nicht jede Unsicherheit beseitigt werden müsste. Wenn Menschen traurig sein dürften, ohne sich erklären zu müssen.

 

Dann müsste vielleicht weniger gekämpft werden. Weniger bewiesen. Weniger verborgen werden.

 

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir Professionalität nicht als das Gegenteil von Menschlichkeit. Für mich liegt Professionalität vielmehr in der Fähigkeit, Mensch zu bleiben.

Mit Klarheit.

Mit Verantwortung.

Mit Grenzen.

Aber auch mit Mitgefühl.

Mit Offenheit.

Mit der Bereitschaft, sich berühren zu lassen, ohne sich darin zu verlieren.

 

Darin liegt für mich die leise Kunst professioneller Beziehungen. Nicht unberührbar zu werden. Sondern berührbar zu bleiben. Und gerade darin Halt zu finden.

 

 

 

Neueste Beiträge

Birte Gamm

Dipl. Heilpädagogin • Autorin • Seminarleiterin • Dozentin • Supervision • Fachliche Begleitung für Teams & Fachkräfte 

Weidenweg 4
23769 Fehmarn

Warenkorb